Selbstständigkeit mit Stottern – mein Sprechen & meine Erfahrungen

Lesedauer 7 Minuten

Das hier wird wahrscheinlich der persönlichste Blogartikel, den ich je schreiben werde. Meine Reise in die Selbstständigkeit startete 2018 mit der Fotografie – aber erstmal zurück zum Anfang …

Bitte beachtet: Jedes Stottern ist anders und jeder stotternde Mensch ist auch anders. Ich beschreibe in diesem Beitrag meine subjektive Meinung und meine eigenen Erfahrungen. Jeder Mensch geht anders damit um, und hat andere “Vorlieben” wie damit umgegangen werden soll. Betrachte diesen Beitrag als einen exklusiven Einblick in meinen Kopf.

Auch wenn es ein sehr persönlicher Artikel ist, hier ein kurzes Inhaltsverzeichnis:

Was ist Stottern? Wie fühlt es sich an?

Stottern ist eine Sprachstörung, bei welcher der Redefluss durch Blockaden, Dehnungen und Wiederholungen von einzelnen Wörtern, Silben oder Lauten gestört wird. Die Stimmbänder verkrampfen und dadurch kommen die “Hänger” zustande. Aber es gibt auch “stumme Blockierungen” wo man einfach überhaupt nichts rausbekommt. Es können auch “Mitbewegungen” im Gesicht oder auch am ganzen Körper auftreten.

Wenn man stottert, weiß man schon vorher im Kopf, dass da gleich ein “Hänger”, also eine Blockade, auftaucht. Deswegen versucht man häufig den Satz umzustellen, andere Wörter zu verwenden oder Füllwörter zu nutzen, um die Blockade zu umgehen und das Stottern zu verschleiern. Was ich früher auch häufiger gemacht habe ist, dass ich so getan habe, als hätte ich vergessen was ich sagen wollte – Problem gelöst *Ironie*

Vor ein paar Jahren, habe ich tatsächlich mal meinen Puls gemessen, bevor ich in eine für mich stressige Situation musste. Also ich musste zur Sparkasse, um mein Sparbuch aufzulösen – für viele Menschen keine große Sache, für mich der blanke Horror. Das erste mal Puls messen noch im Büro an der Arbeit, eine Stunde bevor ich mich auf den Weg gemacht habe, Plus 98 bpm. Zweites Messen, 20 Minuten bevor es ins Auto geht, 113bpm. Ich sitze im Auto und habe noch ca. 10 Minuten Fahrt vor mir, bevor ich an der Sparkasse bin, 122bpm. Letzte Messung – im Auto sitzend vor der Sparkasse, ich wiederhole immer wieder den Satz, den ich gleich sagen werde, in der Hoffnung dass ich keinen Hänger haben werde, 138bpm.

Dieses ständige “unter Stress stehen” bei Alltagssituationen ist extrem anstrengend und auch einschränkend, weil man vieles versucht zu vermeiden. Neue Menschen zu treffen ist für mich häufig auch mit Stress verbunden, da ich bei meinem Namen meistens einen Hänger habe und ich nicht weiß wie die anderen darauf reagieren.

Mein Leidensweg mit dem Stottern, wie hat alles angefangen

Ich habe angefangen zu stottern als ich ein Vorschulkind war. In diesem Alter ist das tatsächlich nichts ungewöhnliches, da viele Kinder (ca. 5%) in diesem Alter mal eine Zeit lang stottern. Bei den meisten (ca. 80%) verschwindet es auch einfach wieder, ohne dass irgendwas gemacht werden muss. Bei einigen wenigen (ca. 1% der Bevölkerung) bleibt das Stottern erhalten und man muss lernen damit zu leben.

Meine Eltern haben damals viele verschiedene Therapieansätze mit mir versucht. Klassische Logopädie, Akupunktur, Heilpraktiker, Hypnose, etc. Aber nichts hat wirklich dauerhaft geholfen.

Wenn ich so zurück denke hab ich selbst erst Ende der Grundschule gemerkt, dass bei meinem Sprechen was “nicht stimmt”. Es kann aber auch sein, dass meine Erinnerungen an diese Zeit schon ziemlich verblasst sind, und es mir deswegen nur so vorkommt. Früher hat es mir tatsächlich auch nichts ausgemacht Gedichte vor vielen Menschen aufzusagen, oder beim Krippenspiel einen Part mit Text zu übernehmen.

Aber umso älter man wird, desto mehr Gedanken macht man sich darüber, was andere Menschen über einen denken könnten, und wie man auf andere wirkt. Ich hatte auch häufig das Gefühl, dass ich mich mehr beweisen muss, da Andere auf Grund meines Stotterns denken könnten, ich wäre “dumm”. Manchmal hab ich mir aber auch selbst gedacht “Ok – der Satz hat überhaupt keinen Sinn ergeben, aber es hat eh keiner verstanden, was du gesagt hast”. Das war zum Beispiel der Fall, wenn ich so viele Hänger hatte, dass ich gar nicht mehr wusste, in welcher Zeitform ich den Satz gestartet hatte, oder wenn der Satz plötzlich extrem verschachtelt wurde, nur um einen Hänger zu umgehen.

In der Realschule musste ich einmal mit einer Freundin ein Referat halten. Ich sollte eine halbe Seite vorlesen. Dafür hab ich über 15 Minuten gebraucht, weil ich bei fast jedem Wort einen Hänger hatte. Meine Klassenkameraden hat’s gefreut, denn immer wenn ich ein Referat halte musste, hatten wir weniger Zeit für Unterricht 😂

Der Weg aus dem Stottern zum normalen Sprechen

2011 oder 2012 habe ich dann im Internet die D.E.L.P.H.I.N. Therapie von Frau Schütz entdeckt, die sich ziemlich vielversprechend angehört hat. Ein paar Monate später war ich mit meinen Eltern zum Diagnostiktag dort, und daraufhin habe ich einen Platz in der 3,5-wöchigen Intensiv-Therapie bekommen. Die Warteliste war allerdings lang und bin es soweit war verging nochmal einiges an Zeit.

Im August 2013 ging es dann damals nach Bad Marienberg um eine neue Sprechweise zu lernen, die im normalen Sprechen endet. Und was soll ich sagen – die Therapie hat mein Leben wirklich verändert! Und wenn ich damals alles genauso gemacht hätte, könnte ich schon längt normalsprechend sein. Während, und auch nach der Therapie war mein Sprechen riiiichtig gut und ich hatte Freude daran zu Sprechen!

Als ich wieder zu Hause war, kam dann der Alltag und die Angst zurück “Was denken andere darüber, wenn ich in der Sprechweise spreche? Denken die ich bin blöd? Hört sich das für andere komisch an?” Und so habe ich versucht, die Sprechweise so schnell wie möglich abzulegen und zum normalen Sprechen zu kommen (big mistake btw). Ich habe mit manchen Menschen in der Sprechweise gesprochen, bei andren wiederum nicht. Vor allem bei Menschen die nicht Bescheid wussten, ist es mir extrem schwer gefallen in der Sprechweise zu sprechen, weil die könnten ja was doofes über mich denken.

Und dieses Muster hat sich die letzten Jahre so durchgezogen… aber dazu unten mehr!

Berufswahl mit Stottern – “Am besten setzt du dich in ein Büro, wo du nicht viel reden musst”

2014. Realschulabschluss. Ein Jahr zuvor, als es darum ging einen Ausbildungsplatz zu finden, war ich komplett planlos. Also erstmal planlos darüber, was ich überhaupt nach der Schule machen möchte, und dann auch noch was passendes mit meiner “Einschränkung” zu finden. Oft kam der Satz “Am besten setzt du dich in ein Büro, wo du nichts sprechen musst” – also quasi keinen Kontakt zu Menschen, außer vielleicht zu ein paar Kollegen. Ist ne richtig tolle Aussicht auf dein weiteres Leben, wenn du dich nicht richtig ausdrücken kannst, weil die Worte nicht aus deinem Mund kommen wollen und du von Außen auch noch hörst, dass du dich quasi am besten “verstecken” solltest. (Aber haben die meisten ja tatsächlich nur gut gemeint)

Zu der Zeit als meine Ausbildung als Produktdesignerin in einer Schreinerei startete, war ich bereits in der Sprechtherapie gewesen. Wenn ich meine Übungen regelmäßig gemacht habe, und wirklich immer in der Sprechweise gesprochen habe war mein Sprechen gut. Aber ich habs nie “bis zum Ende” durchgezogen. Immer hab ich zuvor wieder normal gesprochen, aus Angst, dass andere die Sprechweise komisch finden könnten (ist aber um einiges besser als zu stottern, das weiß ich selbst auch🙈). Und so ist der Kreislauf entstanden, den ich bis jetzt noch nicht durchbrochen habe…

Selbstständig machen mit Stottern

Nachdem ich 2017 meine Ausbildung zur Produktdesignerin und nebenbei mein Fachabitur als eine der besten abgeschlossen hatte, war mir schnell langweilig und ein Hobby musste her. Also schnappte ich mir meine Spiegelreflexkamera und ein paar Freundinnen, und fotografierte immer mal wieder. Durch Instagram bin ich dann in diese “Fotografen-Bubble” reingerutscht und war plötzlich ganz tief in der Materie versunken. Photoshop beherrsche ich seit 2018 im Schlaf und kann dir alles Bearbeiten und Retuschieren. 2018 habe ich außerdem mein Nebengewerbe angemeldet, um mit der Fotografie etwas Geld verdienen zu können (Objektive sind nämlich nicht sonderlich günstig, und wenn man eins hat braucht man direkt das Nächste…).

Mein damaliges “Fotografie-Insta-Profil” zu erstellen war schon eine große Überwindung. Die ersten gesprochenen Storys kamen erst Monate (oder sogar ein Jahr?) später. Aber da hab ich natürlich auch normal gesprochen und nicht in der Sprechweise. Denn in der Spontan-Sprache hat mein Sprechen meistens ganz gut funktioniert. Als die ersten Kundenaufträge kamen, kam damit auch wieder die Angst, mit fremden Menschen sprechen zu müssen. Mal hab ich “mein Problem” vor dem Fotoshooting angesprochen, mal nicht. Aber die Angst war fast immer präsent.

Nach und nach entstand, trotz der Angst, der immer stärker werdende Wunsch, sich was eigenes aufzubauen. Also hab ich mich von meinem Sprechen nicht aufhalten lassen. Seit 2021 beschäftige ich mich intensiv mit Corporate Identity Design, Webdesign und Suchmaschinenoptimierung, und habe mich darauf spezialisiert. (Das war die Kurzfassung, weil in diesem Beitrags soll es hauptsächlich um mein Sprechen gehen 😄)

Die Up’s and Down’s der letzten Jahre

Wie oben schon geschrieben – Wenn ich es damals durchgezogen hätte, meine Übungen immer gemacht hätte und ich immer in der Sprechweise gesprochen hätte, dann könnte ich längst vollkommen normalsprechend sein. Aber ich hab mir immer selbst einen Strich durch die Rechnung gemacht und so ist mein Sprechen mal besser, mal schlechter. (Ich muss aber sagen, im Gegensatz zu vor der Therapie war mein Sprechen bis jetzt echt gut!)

Im Juli/August 2023 habe ich gemerkt, dass mein Stottern nach und nach wieder zurück kommt. Ich hatte ein paar “Hänger” die nach Außen kamen, was ich seit mehreren Jahren nicht mehr hatte. Ich hab “im Kopf” wieder angefangen zu stottern, also bei Selbstgesprächen die ich in meinem Kopf führe, habe ich gestottert. Extrem nervig! Vor allem wenn man weiß wie es anders geht und was einem hilft.

Ich will endlich Eigenverantwortung übernehmen und mein Leben nicht von der Willkür meines Sprechens bestimmen lassen.

Seit Anfang September versuche ich jetzt mein Sprachproblem wieder in den Griff zu bekommen. Aber dieses Mal komplett. Ich will endlich wie jeder andere sprechen können, auch wenn sich die Sprechweise für einige vielleicht komisch anhören mag. Die Sprechweise flacht sich nach und nach ab, und endet irgendwann im normalen Sprechen. Aber bevor das soweit ist, muss ich es zu 100% durchziehen. Ganz egal was andere möglicherweise über mich denken könnten. Deshalb werde ich auch in Zukunft in meinen Instagram Storys und meinen YouTube Videos in der Sprechweise sprechen.

Wie geht es mir damit, und wie geht es weiter?

Auch wenn Stottern echt scheiße ist – irgendwie bin ich auch froh darüber, diese Erfahrung gemacht zu haben. Denn wenn ich nie gestottert hätte, dann wäre ich heute wahrscheinlich ein ganz anderer Mensch und würde ein ganz anderes Leben führen. Die Herausforderungen die das Stottern, oder auch der Weg zum normalen Sprechen mit sich bringt, lässt einen umso dankbarer sein für die Augenblicke in denen mein Sprechen ohne Probleme funktioniert.

Und ich hoffe, dass ich für mich & mein eigenes Leben genug Verantwortung übernehmen kann, und es dieses mal auch wirklich durchziehe. Damit ich in Zukunft ein Leben ohne Angst vor dem Sprechen führen kann.

Irgendwann wird’s hier in diesem Beitrag ein Update geben. (Hoffentlich was positives)

Update: 2024 stehen Veränderungen an!

Gerade ist es Mitte März 2024 und in diesem Jahr hat sich so viel getan! Ich habe Mitte Januar meinen Teilzeitjob relativ unerwartet und intuitiv gekündigt. Im Februar war ich 10 Tage in Bad Marienberg zu Stabilisierungswochen. Und was soll ich sagen – meine Sprechsicherheit ist wieder vollständig da! Die Freude am Sprechen ist zurück, ich bin glücklicher, entspannter und fühle mich wieder sicher!

In den nächsten Wochen werde ich noch/wieder in der Sprechweise sprechen, bis es sich von alleine wieder abflacht und ich quasi Normalsprechend bin. Und langsamer muss ich auch wieder sprechen (was mir unter den “Normalsprechenden” etwas schwer fällt), aber ich merke, dass es mir extrem guttut auch langsamer und achtsamer zu sprechen – vor allem in einer Welt in der alles schneller wird und keiner mehr Zeit hat.

(PS: Noch zwei News: Im Februar ist unsere Dackeldame Trude bei uns eingezogen und ab April 2024 werde ich Vollzeit selbstständig sein!)

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